MILANOVIC: VERTEILUNG KONVERGIERT GLOBAL, ABER DIVERGIERT NATIONAL


Britta Kuhn

Branko Milanovic erklärt in seinem Buch „Global inequality“[1], wer durch Globalisierung und Technischen Fortschritt gewinnt und verliert.

Zwei Kernthesen: Weltweite Einkommensangleichung…

Spätestens seit Piketty’s Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ist empirisch umfassend belegt, dass die Kluft zwischen arm und reich in Industrieländern wie den USA, Deutschland oder Frankreich seit den 1980er Jahren zugenommen hat[2]. Der gebürtige Serbe Milanovic erweitert die Analyse um eine internationale Perspektive: Seit Ende der 1980er Jahre sei eine weltweite Mittelschicht entstanden, zu der vor allem Chinesen gehörten. Deren Aufstieg habe erstmals seit der industriellen Revolution die Ungleichheit zwischen Ländern gesenkt. Weltweit sei von 1988 bis 2008 das reale Pro-Kopf-Einkommen bei Personen rund um das 50. Perzentil der globalen Verteilung, also beim Median, kumuliert um über 70% gestiegen. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung profitierte im gleichen Zeitraum mit einem Plus von mehr als 60%. Das Einkommen der unteren Mittelschicht in reichen Ländern rund um das 80. Perzentil stieg dagegen so gut wie gar nicht. Speziell in westlichen Demokratien sei die Mittelschicht rückläufig, während dort die obersten 5% der Einkommensbezieher zu den Globalisierungsgewinnern gehörten. Der 63-Jährige vermutet, dass in 50 Jahren die weltweite Ungleichheit vollständig durch nationale Unterschiede erklärbar sei[3].

…und Kuznets-Wellen statt -Kurven

Milanovic forscht seit Jahrzehnten über soziale Ungleichheit. Er bestreitet, dass die weltweite Verteilungswirkung der Globalisierung einer Kuznets-Kurve gleicht. Denn die Ungleichverteilung nähme mit steigendem BIP nicht erst zu und dann ab, sondern verlaufe wellenförmig. Bestimmungsgründe seien Kriege und Seuchen, technologische Umbrüche, aber auch der Zugang zu Bildung und Umverteilung. Der jüngste Anstieg der Ungleichheit im reichen Westen beruhe auf technologischen Änderungen[4].

Anfangsausstattung möglichst annähern

Nach Ansicht des ehemaligen Weltbank-Ökonoms geraten die Arbeitnehmer reicher Volkswirtschaften zwischen den Spitzenverdienern ihres eigenen Landes und den vergleichsweise preiswerten Arbeitskräften der Schwellenländer in Bedrängnis. Auch künftig würden die Globalisierungsgewinne nicht gleichmäßig verteilt. Denn vom technischen Fortschritt profitierten nur jene, die mit Kapital und Bildung ausgestattet seien. Es reiche daher nicht, nur die horizontale Chancengleichheit zu beachten, denn dann kämen manche mit Ferraris und andere mit Fahrrädern zu Startposition. Wenn die Ursachen wachsender nationaler Einkommensungleichheit in einer unterschiedlichen Ausstattung der Bürger mit Bildung und Kapital läge, müsse vor allem der Zugang zu diesen beiden Faktoren einheitlicher verteilt werden, anstatt laufendes Einkommen zu besteuern. Im internationalen Kontext schlägt der Ökonom mehr Wachstum in armen Ländern und geringere Migrationshemmnisse vor[5].


Fazit: Relativer Maßstab erklärt Globalisierungskritik

Noch sind Bürger mit mittlerem Einkommen in den reichen Ländern wesentlich wohlhabender als der weltweite Median. Aber die absolute Betrachtung zählt weder psychologisch, noch politisch: Menschen vergleichen ihre Situation mit der unmittelbaren Umgebung und früheren Zeiten. Während es für den weltweiten Median-Einkommensempfänger seit Ende der 1980er Jahre absolut und relativ bergauf ging, fiel die untere Mittelschicht der vermögenden Demokratien zwar nicht unbedingt absolut, aber in jedem Fall relativ zurück. Es erstaunt daher nur das Establishment der Globalisierungsgewinner in diesen Ländern, dass diese Bevölkerungsgruppen für den Brexit und Donald Trump votierten.

 

Quellen:

[1] Branko Milanovic, “Global inequality: A New Approach for the Age of Globalization”, Cambridge/Mass. 2016. (Deutsche Fassung: Die Ungleiche Welt, Berlin 2016.)

[2] Siehe auf diesem Blog: https://besser-wachsen.com/2014/10/08/ist-piketty-der-neue-marx/

[3] Branko Milanovic, a.a.O., p. 2 f. (weltweite Perspektive und neue globale Mittelschicht), p. 5 (gesunkene internationale Ungleichheit), p. 11, Figure 1.1 (globales Medianeinkommen, Top 1% weltweit, untere Mittelschicht reicher Länder), p. 196, Figure 4.8 (Abnahme Mittelschicht in westlichen Demokratien), p. 198, Figure 4.9 (steigender Einkommensanteil der Top 5% in westlichen Demokratien, p. 5 (50-Jahre-Prognose).

[4] Branko Milanovic, a.a.O., chapter 2 (Details) oder Umschlagtext vorne (Kurzfassung).

[5] Branko Milanovic, a.a.O., p. 214 (Arbeitnehmer), p. 239 (Verteilung künftiger Globalisierungsgewinne), p. 226 ff., v.a. p. 230 (Faktorausstattung und Chancengleichheit), p. 214 (Ursache steigender nationaler Einkommensungleichheit), p. 7 bzw. Chapter 5 (politische Vorschläge im nationalen und internationlen Kontext).

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