BEENDET DIE NETZWERÖKONOMIE DEN KAPITALISMUS?

Britta Kuhn

Paul Mason argumentiert in „Postkapitalismus“, dass IT und Informationsökonomie den Marktmechanismus außer Kraft setzen werden[1]. Zu Recht?

Kostenlose Informationsgüter machen Preise obsolet

Der britische Fernsehjournalist hält die Marktwirtschaft für ein Auslaufmodell. Sie beruht auf Knappheitspreisen statt auf dem Arbeitswert. Dem Unterschied widmet das Buch ein ganzes Kapitel und beklagt, dass zwar nur die Arbeitswert-Theorie richtig sei, an den Wirtschaftsuniversitäten aber die Knappheitstheorie gelehrt werde. Wo aber ein unerschöpfliches Angebot an kostenlosen Gütern entstehe, sinke der Knappheitspreis auf null. In der Informations- oder Netzwerkökonomie sei dies der Fall. Masons Lieblingsbeispiel ist Wikipedia[2].

Umfassend recherchierte Philippika gegen den „Neoliberalismus“

Diese Kernthese verdeutlicht das Buch auf fast 400 Seiten mit kenntnisreichen Ausflügen in die Geschichte volkswirtschaftlicher Lehrmeinungen („Dogmengeschichte“) und anhand praktischer Beispiele. Besonderes Gewicht erhalten marxistische und sozialistische Entwürfe, deren Zeit Mason gekommen scheint. Viele Kapitel beschäftigen sich daher mit dem konkreten Übergang zum Post- oder Informationskapitalismus. Der Autor hält seine Vorschläge für realistisch: „Es ist absurd: Wir zweifeln nicht daran, dass sich ein 40 000 Jahre altes System der geschlechtsabhängigen Unterdrückung auflöst, aber die Abschaffung eines 200 Jahre alten Wirtschaftssystems halten wir für eine realitätsferne Utopie.“[3] Auch sonst strahlt das Werk große Zuversicht aus, dass „das Diktat des Markts und der Managementhierarchie“[4]  bald gebrochen sei.

Sterben traditionelle Märkte wirklich aus?

Wenn sich der Mann da mal nicht irrt. Erstens funktionieren längst noch nicht alle Märkte digital. Relative Knappheiten und damit Marktpreise dürften z.B. bei den lebenswichtigen Gütern Energie und Nahrungsmittel weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Zweitens ergänzen digitale Plattformen die analoge Wirtschaft häufig nur, anstatt sie zu ersetzen. So bringt etwa der Transportvermittler Uber Angebot und Nachfrage effizienter als vor dem Internet-Zeitalter zusammen, von einem kostenlosen Angebot der Fahrten kann aber keine Rede sein. Im Gegenteil: Was auch Mason gerne als „sharing economy“, „kollaborative Allmendeproduktion“ oder „Peer-Produktion“ bezeichnet[5], ist in Wirklichkeit oft weit entfernt von einer unbezahlten Tauschwirtschaft. Wer Airbnb nutzt, zahlt – nicht nur für die Vermittlung, sondern auch für die Unterkunft. Schließlich führt die Digitalisierung zwar zu Strukturwandel und -bereinigung, nicht aber zwangsläufig zum Ende der Marktwirtschaft: Obwohl zum Beispiel Google & Co. kostenlos informieren, existiert die häufig totgesagte Zeitungsbranche nach wie vor. Viele Blätter gaben zwar auf, aber die Überlebenden passten ihre Geschäftsmodelle der Nichtbezahl-Kultur an – etwa durch weniger Recherche und veränderte Finanzierungsmodelle.

Fazit

Seit Marx die (ursprünglich ricardianische) Arbeitswertlehre einer breiten Öffentlichkeit als Gegenentwurf zur neoklassischen Knappheitstheorie vermittelte, warten seine Anhänger auf die Überwindung des kapitalistischen Systems. Mason präsentiert eindrucksvoll, warum es endlich mal wieder so weit sein könnte. Dabei lässt er kein Ziel aus – von der Überwindung weltweiter Energie- und Finanzkrisen über die öffentliche Überschuldung bis zur materiellen Wohlstandssicherung für eine Mehrheit der Menschheit[6]. Seine Kritik am neoklassischen Tunnelblick erscheint berechtigt. Seine Vorschläge wirken dagegen wenig innovativ und immer noch utopisch, selbst wenn der Autor eine jahrzehntelange Koexistenz des postkapitalistischen mit dem Marktsektor nicht ausschließt[7].

Quellen:

[1] Paul Mason, „Postkapitalismus. Grundrisse einer Kommenden Ökonomie“, Berlin 2016.

[2] Paul Mason, a.a.O., z.B. S. 20 f. und S. 16. Ausführlich zu Wikipedia S. 177 ff. Ausführlich zur marxistischen Arbeitswertlehre und der neoklassischen Grenznutzentheorie Kapitel 6, dort speziell zu den Wirtschaftsuniversitäten S. 200.

[3] Paul Mason, a.a.O., S. 369.

[4] Paul Mason, a.a.O., S. 16.

[5] Paul Mason, a.a.O., ebenda.

[6] Paul Mason, a.a.O., z.B. S. 344 f.

[7] Paul Mason, a.a.O., z.B. S. 17.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: