SPITZENÖKONOMEN ERKLÄREN TRUMPS SIEG

Britta Kuhn

Waren Brexit- und Trump-Wahl nur dumme Unfälle? Oder steckt berechtigte Globalisierungskritik dahinter? Mein jüngster wisu-Artikel[1] zeigt ausführlich, was Spitzen-Volkswirte beitragen. Hier nur stark gekürzte „Highlights“.

Freihandel erzeugt auch Verlierer

Die klassische Außenhandelstheorie betont seit Jahrhunderten die gesamtwirtschaftlichen Vorteile internationaler Arbeitsteilung[2]. Doch schon die Heckscher-Ohlin-Theorie[3] zeigt modelltheoretisch: Die Löhne in den USA und China gleichen sich durch Im- und Export an, weil sie in den vergleichsweise bevölkerungsarmen USA sinken und im bevölkerungsreichen China steigen.

Tatsächlich fiel in den Vereinigten Staaten jeder vierte Industriejob, der zwischen 1990 und 2007 verloren ging, der Konkurrenz mit China zum Opfer[4]. In absoluten Zahlen wurden von 1999 bis 2011 rund 6 Mio. Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe der USA abgebaut. Davon gingen gesamtwirtschaftlich 2,4 Mio. Stellen auf das Konto der chinesischen Importkonkurrenz[5]. Dieser Rückgang reduzierte vor allem die Beschäftigung weniger qualifizierter männlicher Amerikaner dramatisch[6]. In Europa wirkte sich Chinas Konkurrenz weniger negativ aus als in den USA, weil die heimische Wirtschaft bessere Kompensationsmöglichkeiten in neuen Berufsfeldern oder Auslandsmärkten fand.

Verteilung konvergiert nur weltweit

„Starökonom“ Piketty zeigte unter anderem, dass die private Vermögensakkumulation im Verhältnis zum Nationaleinkommen in vielen Industrieländern in den letzten 100 Jahren U-förmig verlief[7]. Ähnlich entwickelte sich die globale Lage. Bis zum Jahr 2100 wird das private Weltvermögen nach Ansicht des Franzosen sogar auf 600-700% des Welteinkommens steigen, wovon Asien mit mehr als der Hälfte profitieren werde[8].

Auf die Einkommensverteilung konzentriert sich Milanović. Seit Ende der 1980er Jahre sei eine globale Mittelschicht entstanden, zu der vor allem Chinesen gehörten. Deren Aufstieg habe erstmals seit der industriellen Revolution die Ungleichheit zwischen Ländern gesenkt[9]. In westlichen Demokratien dagegen sei die Mittelschicht rückläufig: Der Bevölkerungsanteil, dessen verfügbares Einkommen bis zu 25% über oder unter dem nationalen Medianeinkommen liegt, sank zwischen den frühen 1980er Jahren und 2010 zum Beispiel in den USA um 5 Prozentpunkte[10].

Auch Nobelpreisträger Deaton diagnostiziert eine geöffnete Einkommensschere in den USA: Noch 1966 war das durchschnittliche Familieneinkommen der 5% Topverdiener inflationsbereinigt mit 154.000 Dollar elfmal so groß wie das der untersten 20% mit 14.000 Dollar. Im Jahr 2010 lag es 21 Mal darüber, mit 313.000 gegenüber 15.000 Dollar[11]. Mehr als vier Jahrzehnte lang stagnierte also das Realeinkommen des untersten Fünftels der US-Haushalte beinahe, während es sich im obersten Zwanzigstel verdoppelte!

Migrationsvorteile werden überschätzt

Harvard-Ökonom Borjas analysiert seit über drei Jahrzehnten die ökonomischen Folgen von Immigration im aufnehmenden Arbeitsmarkt modelltheoretisch, ökonometrisch und anhand historischer Feldstudien. Er hält den Nettonutzen der Einwanderung für einzelne Länder wie die USA für gering. Anders lägen die Dinge bei weltweiter Wanderung, soweit Institutionen und Infrastruktur der entwickelten Länder die Massenimmigration von Arbeitskräften aushielten[12]. Der gebürtige Kubaner erntete aber auch die Kritik, einseitig negativ gegenüber Einwanderung zu argumentieren[13]. Sein größter Gegenspieler ist hierbei Berkeley-Ökonom Card[14]. Oxford-Ökonom Collier erweitert in seinem Beststeller Exodus die rein ökonomische Analyse um gesamtgesellschaftliche Kosten und Nutzen. Dabei betrachtet er Aufnahmegesellschaften, Wanderer und Herkunftsländer. Geregelte Immigration sei eine zunehmend wichtige Aufgabe für reiche Gesellschaften, die besser als heute konzipiert werden müsse[15]. Aus zahlreichen Migrationsstudien und historischen Fällen folgert er, dass Volkswirte die Vorteile der Einwanderung überschätzten: Zum Beispiel sei Japan eines der weltweit reichsten Länder, verzichte aber auf Einwanderung[16].

Globalisierung gefährdet die Demokratie

Schon seit den 1990er Jahre weist Rodrik auf ein Trilemma hin: Wolle man die wirtschaftliche Globalisierung maximal vorantreiben, müsse man entweder die Demokratie aufgeben, oder die nationale Selbstbestimmung, weil dann weltweite Regeln notwendig seien. Der Harvard-Ökonom plädiert für weniger und dafür bessere internationale Regeln, die den nationalen Regierungen mehr Spielraum ließen[17]. Seit dem bürgerlichen Widerstand gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA ist klar, was Rodrik meint. Auf das Problem unterschiedlicher Präferenzen verweist auch die gesamte Föderalismusliteratur. Denn natürlich fällt es den relativ bevölkerungsreichen und kulturell heterogenen USA viel schwerer als dem kleinen und homogenen Island, jeden Wählerwunsch zu erfüllen. Gleichwohl nimmt das Nicht-EU-Mitglied Island durchaus am Welthandel teil und gehört zu den reichsten Ländern der Welt.

Fazit: Relativ versus absolut, technischer Wandel versus Bildung

Zusammengefasst: Freier Welthandel kann langfristige Verlierer in den traditionellen Industrieländern hervorbringen, vor allem in weniger qualifizierten Berufen. Globalisierungsgewinner sind die dortigen Reichen und die neue globale Mittelschicht. Die Ungleichheit nimmt dadurch weltweit ab, steigt aber im nationalen Kontext. Die Vorteile der internationalen Migration für die Aufnahmeländer überschätzen viel ökonomische Studien. Die Globalisierung schränkt schließlich den Spielraum länderspezifischer Regeln ein. Aus allem zusammen folgt politischer Widerstand in den traditionellen Industrieländern.

Allerdings argumentieren die meisten Verteilungsstudien relativ. Neoklassische Ökonomen und das Establishment der Globalisierungsgewinner in reichen Ländern kritisieren diese Sichtweise als irrational. Sie entscheidet aber nationale Wahlen. Brexit und Trump könnten erst der Anfang sein. Auch lassen sich die Effekte von Globalisierung und Technischem Wandel kaum voneinander trennen[18]. Nicht jeder deutsche Schulabbrecher ist arbeitslos, weil chinesische Importe oder syrische Einwanderer ihn ersetzen. Abhilfe schaffen Bildung und Umverteilung. Wobei nur Bildung die langfristig tragende und markteffiziente Lösung darstellt.

Quellen:

[1] Britta Kuhn, „Globalisierungskritik und Antworten“, wisu – das wirtschaftsstudium 3/17, S. 335 ff.

[2] Details im Standard-Lehrbuch: Paul R. Krugman, Maurice Obstfeld und Marc J. Melitz, “International Economics”, 10. Aufl., Harlow 2015, S. 56 ff.

[3] Paul R. Krugman et al., a.a.O. S. 116 ff..

[4] David H. Autor, David Dorn und Gordon H. Hanson, “The China Syndrome: Local Labor Market Effects of Import Competition in the United States”. In: American Economic Review, 103(6), (2013), S. 2121 ff., S. 2121

[5] Daron Acemoglu, David H. Autor, David Dorn, Gordon H. Hanson und Brendan Price, “Import Competition and the Great US Employment Sag of the 2000s”. In: Journal of Labor Economics, Vol. 34, No. S1 (2016), S. 141 ff., S. 143 bzw. 146f.

[6] Council of Economic Advisers, zitiert nach The Economist, “Free trade, Coming and going” In: Special Report The World Economy, 1.10.2016, S. 5 ff., S. 6.

[7] Thomas Piketty, “Capital in the twenty-first century”, Cambridge (Mass.) 2014, S. 26.

[8] Thomas Piketty, a.a.O. S. 462. Mehr zu Piketty auf diesem Blog unter: https://besser-wachsen.com/2014/10/08/ist-piketty-der-neue-marx/#more-939).

[9] Branko Milanović, “Global inequality”, Cambridge (Mass.) 2016, S. 2 ff.

[10] Branko Milanović, a.a.O. S. 196. Mehr zu Milanović auf diesem Blog unter: https://besser-wachsen.com/2017/02/10/milanovic-verteilung-konvergiert-global-aber-divergiert-national/#more-1253.

[11] Angus Deaton, “The Great Escape”, Princeton/Oxford 2015, S. 188 f. Mehr zu Deaton auf diesem Blog unter: https://besser-wachsen.com/2016/10/21/deaton-fluechtlinge-nehmen-statt-entwicklungshilfe-geben/#more-1217.

[12] George J. Borjas, “Immigration Economics”, Cambridge (Mass.)/London 2014, S. 6 f. Mehr zu Borjas auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2016/05/13/migration-economics-1-borjas/#more-1153.

[13] David Card und Giovanni Peri, “Immigration Economics by George J. Borjas: A Review Essay”. In: Journal of Economic Literature, vol. 54, no. 4 (2016), S. 1333 ff., S. 1333. Mehr Card und Peri auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2016/05/27/migration-economics-2-card-frieberg-peri-und-weitere/).

[14] David Card, “The Impact of the Mariel Boatlift on the Miami Labor Market”. In: Industrial and Labor Relations Review, Vol. 43, No. 2. (1990), S. 245 ff., S. 245.

[15] Paul Collier, “Exodus”, London 2013, S.22 ff.

[16] Paul Collier, a.a.O. S. 132. Mehr zu Collier auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2015/01/09/armutsmigration-sollte-aufnahme-und-herkunftsgesellschaften-nutzen/#more-963.

[17] Dani Rodrik, „The Globalization Paradox“, Oxford/New York 2011, S. xviii und S. 201. Mehr zu Rodrik auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2017/02/24/rodrik-weniger-globalisierung-wagen/#more-1266.

[18] Branko Milanović, a.a.O. S. 110.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: