Geldpolitik in der Corona-Krise


Britta Kuhn

QE „XXL“, Helikoptergeld – was Ökonomen bisher nur theoretisch diskutierten, setzen EZB und US-Fed in der Krise um. Wann kaufen die Notenbank das Produktionskapital?

QE: Mengenmäßige Lockerung „XXL“

Schon von 2015 bis 2018 kauften die Notenbanken des Eurosystems Schulden ihrer Regierungen und – in geringerem Umfang – Unternehmensanleihen. Eine Neuauflage startete im November 2019. Dieses Jahr sind Zukäufe von insgesamt ca. 1.100 Mrd. Euro über verschiedene Programme geplant[1]. Damit diese Ausweitung möglich ist, müssen die qualitativen Anforderungen an die gekauften Wertpapiere (weiter) sinken und Mengenbeschränkungen (weiter) gelockert werden.
Was wäre der ökonomisch denkbare Extremfall im Anleihebereich? Wenn Zentralbanken sämtliche Staats- und Firmenschulden kaufen würden. Dies fordern bisher nicht einmal die Vertreter der „Modern Monetary Theory“. Denn sie wollen nur Staatsschulden durch die Notenpresse finanzieren.

Helikoptergeld

Nobelpreisträger Milton Friedman schuf vor rund 50 Jahren folgendes Bild: Ein Hubschrauber wirft frisch gedrucktes Geld ab. Die Bevölkerung kann mehr konsumieren und investieren. Ökonomen diskutieren schon lange zahlreiche Umsetzungsvarianten – z.B. Gutscheine für jeden Bürger, die bei Nichtgebrauch verfallen. Die Grundidee dieser extrem expansiven Geldpolitik geht auf Silvio Gesell zurück. Er erfand vor ca. 100 Jahren das „Schrumpfgeld“.

Anders als bei Offenmarktgeschäften (und teilweise QE) entfällt beim Helikoptergeld die „Bankenintermediation im geldpolitischen Transmissionsmechanismus“. Das heißt: Die zusätzliche Liquidität landet zu 100% bei den Bürgern und die Notenbank kann sie nicht zurückholen. Das Geld bleibt also erstens nicht bei den Banken stecken, die damit z.B. sichere Staatsanleihen kaufen könnten, anstatt Kredite an die Realwirtschaft zu reichen. Zweitens kann die Notenbank das zusätzliche Geldangebot bei Inflationsgefahr nicht zerstören. Dies ist bei Offenmarktgeschäften gängige Praxis. Auch bei QE wäre es möglich, nämlich wenn die Zentralbank die angesammelten Wertpapiere dem Kapitalmarkt zurückgeben würde.

Die US-Notenbank z.B. kündigte im März 2020 an, die nationale Wirtschaft mit zusätzlich rund 4.000 Mrd. USD zu unterstützen[2]. Formal handelt es sich dabei um diverse Kreditprogramme für Firmen, die mit 454 Mrd. USD neuer Staatsschulden gedeckt sind. Faktisch zu Helikoptergeld werden diese Kredite, soweit sie nicht vollständig zurückfließen.

Vergesellschaftung des Produktionskapitals à la Marx?

Die US-Notenbank kauft nun auch ETF – etwas, was Japan schon lange tut[3]. Exchange Traded Funds sind Fonds, die einen Börsenindex nachbilden, in Deutschland z.B. den Deutschen Aktienindex DAX. Kaufen Zentralbanken also über ihre QE-Programme ETF, können sie indirekt Aktien erwerben. Als nächster Schritt wäre denkbar, dass die Währungshüter direkt in den Aktienmarkt einsteigen. Die Notenbank würde damit privates Produktionskapital übernehmen.

Fazit: Bald Inflation?

Das geldpolitische Instrumentarium ist in der Corona-Krise noch lange nicht ausgeschöpft, soweit gesetzliche Beschränkungen entfallen, mit juristischer Finesse interpretiert oder flexibel „gehandhabt“ werden. Bedeutet dies automatisch Inflation? Nein. Die droht erst, wenn die Menschen dauerhaft mehr nachfragen, als angeboten wird. Das ist z.B. in Japan bis heute nicht der Fall.

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Quellen:
[1] European Central Bank, “ECB announces €750 billion Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP)”, Press Release 18.3.20, https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2020/html/ecb.pr200318_1~3949d6f266.en.html (Letzter Zugriff: 4.4.2020); Tagesschau vom 19.3.2020, 7‘23‘‘ ff., https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-36219.html (Letzter Zugriff: 4.4.2020).
[2] Jeanna Smialek, How the Fed’s Magic Money Machine Will Turn $454 Billion Into $4 Trillion, The New York Times vom 26.3.2020, https://www.nytimes.com/2020/03/26/business/economy/fed-coronavirus-stimulus.html (Letzter Zugriff: 4.4.2020).
[3] Winand von Petersdorff, Das größte Notenbank-Rettungsprogramm aller Zeiten, 23.3.2020, Frankfurter Allgemeine Zeitung, https://www.faz.net/aktuell/finanzen/corona-das-groesste-notenbank-rettungsprogramm-aller-zeiten-16692549.html?xtor=EREC-7-%5BWirtschaft%5D-20200323&utm_source=FAZnewsletter&utm_medium=email&utm_campaign=Newsletter_FAZ_Wirtschaft&campID=OMAIL_REDNL_n/a_n/a_n/a_n/a_n/a_n/a_n/a_Wirtschaft (Letzter Zugriff: 4.4.2020). Zu Japans Geldpolitik siehe auf diesem Blog https://besser-wachsen.com/2019/06/07/kopiert-die-ezb-japans-geldpolitik/#more-1721

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