Ist Saudi-Arabiens „MBS“ gut oder böse?


Britta Kuhn

„Mister Bone Saw“ oder charismatischer Visionär? Über Saudi-Arabiens mächtigen Kronprinz Mohammed Bin Salman klärt Susanne Koelbls „Zwölf Wochen in Riad“ auf.[1]

Saudi-Arabien zwischen Diktatur und Aufbruch

So lautet der Untertitel des Sachbuches, das die SPIEGEL-Auslandsreporterin 2019 veröffentlichte. Im Zentrum dieses Spannungsfelds steht „MBS“: Er wurde 2015, nachdem sein Vater Salman den Thron bestiegen hatte, mit erst 29 Jahren Verteidigungsminister und 2017 offizieller Kronprinz. Dies führte zu Unmut in der großen saudischen Königsfamilie, da die Thronfolge zuvor stets verschiedene Familienzweige berücksichtigt hatte. MBS entwickelte sich aber schnell zum Alleinherrscher über Militär, Geheimdienste, Wirtschaft und Medien. Für Negativ-Kritik im Westen sorgten insbesondere sein Krieg im Jemen, die Verhaftung von rund 300 (MBS-kritischer) VIPs im Ritz-Hotel Riad und die Exekution des Exil-Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul. Positive Schlagzeilen erntete der Kronprinz für seine ökonomische „Vision 2030“ und gesellschaftliche Reformen wie die aufgehobene Pflicht, den weiblichen Körper komplett zu verschleiern oder die Erlaubnis für Frauen, ein Auto zu lenken. Koelbl schildert auch den Werdegang und Charakter des jungen Autokraten: Er habe z.B. nie im Ausland gelebt oder studiert, sei nicht kompromissfähig, vielmehr jähzornig, aber eben auch intelligent.[2] In der Tat: MBS scheint vor allem viel klarer als anderen zu sein, dass sich das fossile Zeitalter dem Ende zuneigt und sein Land dringend Alternativen zum Öl benötigt.

„Neureich“ dank Aramco

Saudi-Arabiens Wirtschaftsgeschichte ist kurz – vor allem im Vergleich zum regionalen Erzrivalen Iran. Richtig los ging es erst vor nicht einmal 90 Jahren: 1933 erhielt die US Standard Oil Company die erste Ölkonzession, 1938 startete die Förderung, 1944 entstand die „Arabian-American Oil Company“ Aramco. Sie wurde bis 1980 schrittweise verstaatlicht und heißt seit 1988 „Saudi Aramco“[3] Auch dies ist ein wesentlicher Unterschied zum Iran: Dort scheiterte eine demokratische Regierung in den 1950er Jahren mit dem Versuch, die Ölförderung zu verstaatlichen. Denn die USA und Großbritannien bewirkten einen Regimewechsel hin zum Schah und behielten so bis zur Revolution 1979 die Kontrolle.[4] Wie unfassbar reich Aramco ist, wurde Ende 2019 einer breiten westlichen Öffentlichkeit klar: Im Zuge des (partiellen) Börsengangs reichten Schätzungen des Firmenwerts bis zu 2 Billionen US-Dollar– bei einem jährlichen Gewinn von zuletzt rund 110 Mrd. US-Dollar![5] Niemand sonst kann so viel Öl so billig fördern. Dieser Geldregen stabilisierte bisher das Herrscherhaus: „Der König erfreut das Volk mit Annehmlichkeiten, das Volk verzichtet auf Kritik“.[6] Das Verhältnis zu den USA ist traditionell gut. Wie das trotz Wahabismus und Osama Bin Laden funktioniert, erklärt Koebl in mehreren Kapiteln.[7] Auch sonst bietet ihr Buch höchst interessante landeskundliche Einsichten zum Thema „wer ist im Nahen Osten warum für oder gegen wen?“.

Chancen für berufstätige Frauen?

Auf Aramcos Firmengelände galten laut Koelbl noch nie Kleidervorschriften oder Autofahrverbote für Frauen. Die Mitarbeiterinnen lebten denn auch im westlich geprägten Dhahran Camp. Ansonsten verdeutlichen aber mehrere Kapitel die immer noch völlig untergeordnete Stellung von Frauen in Saudi-Arabien. Zum Beispiel gilt weiterhin die Vielehe für Männer. Sie sei sogar positiv besetzt, weil Staatsgründer Ibn Saud die Stämme der arabischen Halbinsel dadurch geeint hatte. Er heiratete nämlich die 17 Gattinnen der getöteten Anführer und bekam mit ihnen 45 Söhne. Bisher fungierten sechs dieser Söhne als königliche Nachfolger (Töchter spielten keine Rolle). MBS wäre der erste Enkel auf dem Thron. Immerhin: Seit 2019 gibt es eine Botschafterin in den USA, eine Urenkelin Ibn Sauds.[8]

Fazit

MBS strebt laut Koelbl einen Mischung aus den Systemen Chinas und der Vereinigten Arabischen Emirate VAE an: „Eine von religiösen Zwängen zunehmend befreite Gesellschaft und eine freie Wirtschaft mit der Lizenz zum Reichwerden für alle Königstreuen – bei gleichzeitig totaler politischer Kontrolle.“[9]


Quellen:

[1] Susanne Koelbl, „Zwölf Wochen in Riad. Saudi-Arabien zwischen Diktatur und Aufbruch“ Verlagsgruppe Random House, 2019. „Mister Bone Saw“: a.a.O., S. 16.

[2] Susanne Koelbl, a.a.O., S. 17 ff.; (ältere) Details zur Vision 2030 auf diesem Blog unter https://besser-wachsen.com/2017/12/08/wird-saudi-arabien-das-neue-dubai/.

[3] Susanne Koelbl, a.a.O., S. 303 (Zeittafel von Thorsten Oltmer).

[4] Details z.B. bei Michael Lüders, „Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ Verlag C.H. Beck, 2018.

[5] Hauke Reimer, „Saudi Aramco Ein Liter Öl für zwei Cent – damit toppt der Kronprinz den Börsenwert von Microsoft“, Wirtschaftswoche vom 9.11.2019, https://www.wiwo.de/finanzen/boerse/saudi-aramco-ein-liter-oel-fuer-zwei-cent-damit-toppt-der-kronprinz-den-boersenwert-von-microsoft-/25207832.html (Zugriff 13.1.2019).

[6] Susanne Koelbl, a.a.O., S. 130.

[7] Z.B. a.a.O., S. 135 ff. und S. 234.

[8] Susanne Koelbl, a.a.O., Aramco: S. 129 f.; Vielehe und Söhne: S. 59; US-Botschafterin: S. 308.

[9] Susanne Koelbl, a.a.O., S. 228.Für Interessierte ebenfalls empfehlenswert: Antoine Vitkine, „Mohammed bin Salman – Kronprinz mit zwei Gesichtern“ ZDF-Dokumentation vom 12.3.2020, verfügbar bis 4.5.2021 (in Deutschland, Österreich, Schweiz), https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/mohammed-bin-salman–kronprinz-mit-zwei-gesichtern-100.html.

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