WAS BRINGEN DRAGHIS LOCKERUNGEN?


Britta Kuhn

Die EZB hat ihr Programm zur mengenmäßigen Lockerung (QE) abermals ausgedehnt. Das ist höchst umstritten. Wer hat Recht: EZB oder Kritiker?

Ziele der EZB: Konjunkturbelebung und Deflationsbekämpfung

Die Inflationsrate liegt im Euroraum seit längerem unter dem Zielwert von 2 Prozent. Deshalb beschloss die EZB im März 2016 eine weitere geldpolitische Expansion. Sie kauft nun unter anderem Anleihen im Wert von monatlich 80 Mrd. € von ihren Geschäftspartnern, neben Staatsanleihen bald auch „investitionswürdige“ €-Unternehmensanleihen[1]. Ende Februar 2016 hatte die EZB bereits öffentliche Anleihen zum Buchwert von rund 600 Mrd. € in ihrer Bilanz, davon 140 Mrd. € aus Deutschland, 112 Mrd. € aus Frankreich und 96 Mrd. € aus Italien[2].

QE schafft zusätzliche Liquidität. Die Kreditinstitute können damit mehr Kredit an die Realwirtschaft geben, was die Konjunktur belebt und damit Preise tendenziell erhöht. Daneben steigen durch die Anleihekäufe deren Kurse, was die Renditen senkt. Folglich sinkt auch der Kreditzins, was Investitionen und Konsum erleichtert[3].

Deflation in Theorie und Praxis

Sollte die EZB überhaupt gegen die aktuelle Deflation kämpfen? Die Theorie sagt ja: Rechnen die Menschen mit sinkenden Preisen, kaufen sie weniger, so dass die Unternehmensgewinne (bei konstanten Löhnen) und das BIP sinken. Daneben steigt der Realwert von Schulden, was kreditfinanzierten Investitions- und Konsumausgaben schadet. Es folgt eine konjunkturelle Abwärtsspirale.

Empirische Studien zeigen aber auch: Bei sinkenden Preisen kaufen Menschen mehr, weil sie sich viele Güter erst jetzt leisten können[4]. Auch hat es historisch durchaus Wachstumsphasen trotz Deflation gegeben[5]. Im Moment gehört Konsum im Übrigen zu den besten Möglichkeiten, der negativen Verzinsung von Ersparnissen (vulgo: Enteignung) zu entgehen.

Argumente gegen QE im Euroraum

Die aktuelle Deflation hat erstens weltwirtschaftliche Ursachen, nämlich den niedrigen Ölpreis, die Spätwirkungen der Finanzkrise, verschärften Preiswettbewerb im Rahmen der Globalisierung und schwer kalkulierbare geopolitische Risiken. Zweitens wandert die zusätzliche Liquidität der EZB vornehmlich in Vermögenswerte und erzeugt hier Blasen, was eine neuerliche Finanzkrise und/oder plötzlich starke Inflation wahrscheinlicher macht. Drittens kämpft insbesondere Japan seit Jahrzehnten mit ultralockerer Geldpolitik gegen die konjunkturelle Flaute – bisher ohne Erfolg, der sich ja auch im Euroraum in keiner Weise abzeichnet. Viertens profitieren vornehmlich die Regierungen der Euro-Mitgliedsländer von mengenmäßiger Lockerung: Angesichts längst negativer Realzinsen verdienen sie an ihren Krediten, was Strukturreformen zur Senkung der Staatsverschuldung völlig unattraktiv macht. Fünftens ist QE in Europa viel ineffektiver als im großen Vorbild USA: Während dort Kredite vornehmlich über den Kapitelmarkt fließen, spielt im Euroraum die Finanzintermediation eine große Rolle. Verbessern aber Finanzinstitute mit der zusätzlichen Liquidität ihre Eigenkapitalquote und reinigen die Bilanz, kommt kein zusätzlicher Kredit in der Realwirtschaft an. Konsequenter wäre dann der Vorschlag, den Bürgern und Unternehmen „per Helikopter“ direkt Geld zu schenken[6]. Schließlich dürfte das Programm illegal sein, weil es der EZB ökonomisch-faktisch eine direkte Staatsfinanzierung ermöglicht – auch wenn findige Juristen formal-juristisch anders argumentieren.

Fazit der Autorin

QE erscheint nur als ein Symptom unter vielen: Unsere aktuelle Geldordnung könnte ein Auslaufmodell sein. Längst diskutieren unabhängige Köpfe Alternativen wie Bitcoins oder Aktivgeld[7]. Draghis Aussage „The Euro is irreversible“ mag zwar seit Mitte 2012 die Finanzmärkte beruhigt haben. Auf Menschen, die in längeren historischen Zusammenhängen denken, wirkt sie nicht.


Quellen:

[1] European Central Bank, „Monetary Policy Decisions“, 10.3.2016, https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2016/html/pr160310.en.html; Details: “ECB adds corporate sector purchase programme (CSPP) to the asset purchase programme (APP) and announces changes to APP”, http://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2016/html/pr160310_2.en.html (beide Zugriff 16.3.2016).

[2] European Central Bank, “Asset purchase programmes”, 2016, https://www.ecb.europa.eu/mopo/implement/omt/html/index.en.html (Zugriff 16.3.2016).

[3] Zur grundsätzlichen Wirkung von QE vgl. z.B. N. Gregory Mankiw und Mark P. Taylor, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 2016, S. 809 f.

[4] Henning Klodt und Anna Hartmann, “Deflation und Konsumstau: Mikroökonomische Evidenz”, Kiel Working Paper No. 1935, July 2014, v.a. Zusammenfassung, https://www.ifw-members.ifw-kiel.de/publications/deflation-und-konsumstau-mikrookonomische-evidenz/KAP_1935_Deflation.pdf (Zugriff 16.3.2016).

[5] Bank for International Settlements, “The costs of deflation: what does the historical record say?” 84th Annual Report, 29.6.2014, Box V.D, S. 98 f., http://www.bis.org/publ/arpdf/ar2014_ec.pdf (Zugriff 16.3.2016).

[6] Vgl. z.b. Philipp Plickert, „Wenn es Geld vom Himmel regnet“, Frankfurter Allgemeine Wirtschaft vom 11.3.2016, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/geldpolitik-mit-helikopter-geld-wenn-es-geld-vom-himmel-regnet-14101989.html (Zugriff 16.3.2016).

[7] Vgl. z.B. auf diesem Blog: https://besser-wachsen.com/2015/02/06/neue-geldordnung-gegen-finanzkrisen-und-verteilungsschere/ und https://besser-wachsen.com/2014/03/28/vollgeld-verhindert-finanzkrisen/.

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